Nachricht von Timo Kreuter - 21.10.2003

Timo Kreuter schreibt am 21.10.03 

Hallo Zusammen,

bin in Cochabamba frohen Mutes gelandet, nachdem sich das Land mit dem Rücktritt von Goni (dem Präsidenten) schlagartig beruhigt hat, vorerst. Habe meine Arbeit etwas verspätet aufgenommen und beginne die ersten Freundschaften hier zu schließen.

Bin in der Zeit der Unruhen mit keiner problematischen Situation zusammengestoßen. In Santa Cruz war sogar nichts von den Unruhen zu spüren, selbst als der Regierungswechsel bekannt wurde ließ dass viele Leute in Santa Cruz kalt. Hier gab es auch keine Feste oder Feiern deswegen.

Frage mich, wie es weiter geht. Habe zwei Berichte beigefügt über die Situation der letzten Woche.

Schöne Grüße aus Bolivien!
Timo


Date: Fri, 17 Oct 2003 23:45:52 -0500
From: Tom Gebhardt <periodista@gmx.net> (Jornaliest)
Subject: ein echter Sieg auf einem langen Weg

> Liebe Freundinnen und Freunde,
>
> vor etwa einer halben Stunde ist das Flugzeug abgehoben, dass Gonzalo
> Sánchez de Lozada nach Miami bringen wird. Hoffentlich bleibt er dort
> eine Weile, hier ist seine Zeit abgelaufen.
>
> Er hat seinen Rücktrittsgesuch in die Hände des Kongresses gelegt. Beide
> Kammern haben mit Mehrheit seinen Rücktritt beschlossen. Damit ist der
> Intellektuelle und parteilose Carlos Mesa Gisbert neuer Präsident von
> Bolivien. Er hat wirklich eine ergreifende Rede gehalten, draußen sind
> die Feuerwerksschüsse zu hören (auch unsere).
>
> Und trotzdem: Es bleiben Zweifel. Schließlich geht es nicht darum die
> Köpfe auszuwechseln, die Politik muss sich ändern. Welchen Spielraum
> wird der neue Präsident haben? US-Truppen sind unterwegs, um ihre Leute
> hier zu schützen. Werden sie wirklich nur ihre Leute schützen, oder ihre
> Interessen in Lateinamerika?
>
> Aber echte Veränderung hat nicht nur äußere Feinde. Auch im Land wird es
> schwierig sein, einen wirklich neuen Kurs zu fahren.
>
> Aber das sind die Fragen von morgen. Heute ist - trotz allem erstmal
> Feiern angesagt. Und Schlafen, denn marschieren macht müde.
>
> tom und nele
>
> --
> Tom Gebhardt
> Casilla 3863 - La Paz, Bolivia
> Fono: (+591) 2- 2421238
> Móbil: (+591) 706-76680

18.10.03 von Michael Mayer, Zuständiger in La Paz für die Partnerschaft Trier und Hildesheim mit Bolivien

Am Ende einer schwierigen Woche für Bolivien und eines ereignisreichen Tages steht seit 22.20 Uhr fest: Bolivien hat einen neuen Präsidenten. Carlos Mesa, bisheriger parteiloser Vizepräsident und von Hause aus Historiker, hat die Nachfolge "Gonis" angetreten, der zeitgleich zur Verteidigung des neuen Präsidenten das Land ab Santa Cruz zusammen mit einigen Ex- Ministern in Richtung Miami verlassen hat. Oder besser: sich aus dem Staub machte.

Noch heute Mittag war unklar, wie sich die Situation weiterentwickeln würde.

Zigtausend Mineros sind nach einem tagelangen Marsch von Oruro aus kommend in La Paz angekommen. Und mit ihnen kam auch die leise Gewissheit an, dass Sánchez de Lozada zurücktreten werde. Der Kongress hätte sollen schon um 16 Uhr zusammenkommen, was nach guter lateinamerikanischer Manier dann mit einigen Stunden Verspätung gegen 21 Uhr auch stattfand. Einige Anrufer aus Deutschland berichteten uns schon in der Zwischenzeit von Gonis Rücktritt – offiziell war es dann um 21.30 Uhr als ein Sprecher des Kongresses das Rücktrittsangebot des Präsidenten verlas, welches mit mehr als 90 Stimmen (etwa 30 dagegen) angenommen wurde.

Nach seiner Verteidigung wandte sich Carlos Mesa als aller erstes an die Opfer der vergangenen gewaltsamen Tage und sprach sein Mitgefühl aus; Worte die sein Vorgänger nicht annähernd erwähnte! Eine programmatische Weichenstellung seiner neuen Amtszeit wird ein Referendum über das Gas sein.

Der blutige Anfang dieser Woche, der mehr als 70 Todesopfer forderte, hat heute einen friedlichen Ausgang gefunden. Die Herausforderungen für die Regierung, die parteipolitisch unabhängig besetzt werden soll, bleiben jedoch riesig. Um für einen wirklich gewaltlosen Übergang der neuen Regierung einzutreten, wird deshalb auch der Hungerstreik weiter fortgeführt.

Auch die Unterstützung durch viele Gruppen, durch Gebet und Fürbitten, durch die Telefonanrufe und Mails aus den beiden Bistümer Hildesheim und Trier waren ein für sich sprechendes Zeichen der Solidarität für unser Partnerland (und auch für mich persönlich). Bolivien braucht weiterhin Eure Unterstützung !

Seid herzlich gegrüßt
Michael Meyer

* * *

Michael Meyer
casilla 2309 (P.O. BOX - Conf.Epis.Bol.)
LA PAZ - BOLIVIA
FON: 00591-2-2432194
FON/FAX: 00591 -2-2406768

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